wochenschau2021

Stigmatisierung von Betroffenen im Alltag

„Guck mal die/der“
„Nehm mal ab“

Das ist nur ein Auszug von dem, was Betroffene direkt an den Kopf geworfen bekommen, doch die Stigmatisierung einer Krankheit, die mittlerweile nicht nur von der WHO offiziell anerkannt ist, sondern auch vom deutschen Bundestag, geht noch viel weiter.
Aber warum? Vor allem liegt es an der schlechten, bis nicht vorhandenen Aufklärung über eine Krankheit, die in der Öffentlichkeit noch immer nur hinter vorgehaltener Hand besprochen wird.

Adipositas ist eine Krankheit!
Adi..was?
Adipositas = starkes/krankhaftes Übergewicht, bzw.  Fettleibigkeit
Die Medizin spricht von Adipositas, wenn das Körpergewicht eines Menschen den Wert von 30 kg pro m² überschreitet. Hierfür wird der sogenannte Body-Mass-Index zur Hilfe genommen. Liegt das Körpergewicht über einem Wert von 30, spricht man von Adipositas, liegt der Wert über 40 sind wir im Bereich der morbiden Adipositas angekommen. Ab diesem Zeitpunkt sprechen Mediziner in der Regel davon, dass eine betroffene Person auf „natürlichem Wege“ keine langanhaltende, bzw. dauerhafte Reduzierung ihres Körpergewichts mehr schaffen kann bzw. wird.
Oftmals ist hier die bariatrische Operation der letzte Ausweg, doch selbst damit werden viele Betroffene noch abgeurteilt da sie sich „den leichten Weg“ ausgesucht haben. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Lebensverändernde Umstellung nach einem nicht wieder rückgängig zumachenden Eingriff, was viele gerne vergessen. Nach einer bariatrischen Operation ist nichts mehr wie es vorher einmal war und man steht vor ganz anderen Herausforderungen als vorher.

Aber was bedeutet Adipositas für einen Betroffenen Menschen im Alltag?
Die heutige Gesellschaft ist noch immer nicht auf die wachsenden Zahlen von Betroffenen vorbereitet. Obwohl es jährlich mehr Menschen gibt die übergewichtig oder sogar adipös sind, gibt es nur wenige Geschäfte/Institutionen die sich auf das wechselnde Klientel eingestellt haben.
Ob es um die Bekleidungsindustrie geht, die noch immer eher der Size Zero hinterher jagt und im besten Fall genau diese Mode einfach nur um ein vielfaches größer, und damit in der Regel für nur wenige tragbar, produziert oder die Gastronomie die Stühle bereit stellt, in denen man es sich, mit vielleicht maximal 90 kg mit gutem Gewissen, gemütlichem machen kann.
Selbst bei Ärzten und Behörden ist es noch immer der Fall, das Stühle nicht den Bedürfnissen von Patienten/Kunden angepasst sind. Betroffene Berichten von Einrichtungsstücken bei Ärzten, die nicht für Ihr Gewicht ausgelegt sind und daher keine Untersuchung oder sogar Behandlung durchgeführt werden können. Lediglich in Fachzentren für Adipositas, gibt es Stühle die für ein Körpergewicht von mehr als 120 kg ausgelegt sind und eine entsprechende Sitzbreite bieten.
Schonmal versucht einen MRT-Termin für einen etwas korpulenteren Menschen zu bekommen? Mit Glück finden Sie ein MRT in Hamburg das Zeit hat und Sie mit Übergewicht auch aufnimmt, im schlechtesten Fall, schickt man Sie am ausgemachten Termin einfach wieder nach Hause.

Haben Sie es schon einmal erlebt das ein Mensch mit Adipositas einen ihm angebotenen Stuhl abgelehnt hat? Eventuell mit der Begründung „ich stehe lieber“ oder „ich habe ja schon den ganzen Tag gesessen“… ich kann Ihnen versichern, in 9 von 10 Fällen ist es hier eher die Angst etwas kaputt zu machen, inklusive des Stuhls wieder aufzustehen oder die Scham ihnen mitzuteilen, dass der Stuhl einfach weder der Körperform noch des Körpergewichts entsprechend passt.

Ein weiteres schönes Beispiel ist hier der Flugzeugsitz, selbst Menschen, die lediglich ein wenig längere Beine haben, stoßen hier schon auf Hindernisse, aber nun stellen Sie sich vor, sie müssten auch noch einen zweiten Sitz buchen nur um überhaupt sicher sein zu können, dass genügend Platz für sie vorhanden sein könnte. Im Kino können wir das Spiel ebenso weiterführen, oder im Bus (schonmal in einem Reisebus gesessen und sich nicht angeschnallt bekommen? Oder dem Sitznachbarn die Hälfte des Sitzplatzes gestohlen?), es gibt viele Dinge, die sich aufzählen lassen.

Durch das immer größere Spektrum an Nahrungsmitteln, Junk-Food, das rund um die Uhr zu bekommen ist, Fertiggerichte, die mit Konservierungsstoffen und Zucker überhäuft sind, etc. steigt das durchschnittliche Gewicht der Bevölkerung immer weiter an. Wir sind schon lange nicht mehr so weit von amerikanischen Verhältnissen weg, wie es einmal der Fall war.
Dazu kommt das Adipositas eine Suchterkrankung ist. Alkoholiker:innen können aufhören Alkohol zu trinken, Junkies können aufhören Drogen zu nehmen, aber Dicke? Die können das Essen nicht einfach sein lassen, denn es ist zum Leben essenziell.

Genau deshalb ist die Arbeit der Selbsthilfegruppen so wichtig. Betroffene benötigen Unterstützung, jemanden der zuhört, Verständnis hat, ggf. Hilfe anbieten oder vermitteln kann.
Und was absolut nicht zu vernachlässigen ist, der Austausch unter den Betroffenen selbst.
Jeder in der Gruppe kann von Erfahrungen berichten, die andere ebenfalls so oder ähnlich gemacht haben. Man kann andere Lösungsansätze finden, sich in einem geschützten Rahmen besprechen und weiß das alles dortbleibt, wo es besprochen wurde. Vollkommen ohne Wertung der eigenen Person und der Erfahrungen.

Niemandem soll vorgeschrieben werden, wie er zu Leben hat, wie am besten eine Abnahme zu erreichen ist. Ob eine Operation der richtige Weg ist. Und seien wir ehrlich, letztendlich wollen wir auch niemandem sagen, ob er überhaupt abnehmen muss. Jeder entscheidet selbst wie viel er/sie von sich in die Gruppe einbringen will, wie viel Hilfe er/sie erhalten und annehmen möchte. Dem einen ist geholfen in dem er/sie anderen zuhört, dem nächsten hilft es aktiv zu sprechen. Jeder ist ein Individuum und wird als solches erkannt und akzeptiert.
Mit dem einen versteht man sich besser, mit dem anderen schlechter. Es können Freundschaften entstehen, die einem im wahrsten Sinne des Wortes durch Dick und Dünn begleiten. Es herrscht einfach eine ganz andere Form des Verständnisses, da man unter Gleichgesinnten ist.
Ein Normalgewichtiger Mensch wird niemals die Probleme eines Übergewichtigen in dem ausmaß verstehen, wie es ein anderer Übergewichtiger Mensch tut. Selbst Angehörige von betroffenen werden nie genau wissen, wie es sich in bestimmten Situationen anfühlt zu sein was man ist, ein Mensch mit der Krankheit Adipositas.

Die Adipositas SHG Flensburg trifft sich, sofern die Corona-Beschränkungen es zulassen, jeden 2ten und 4ten Donnerstag im Monat um 19:00 Uhr im Fliednersaal der Diako Flensburg. Aktuell finden die Treffen zu den gewohnten Terminen online statt, wer Interesse hat kann sich gerne über Facebook, per WhatsApp oder auch Mail melden. Auch wer sich erst einmal ein Bild von uns machen möchte darf sich gerne melden!

© Daniela Hall / 2021

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